Dienstag, 2. Juli 2013

Hemingway im Fischrestaurant und Bukowski vorm Schnapsregal

Ziemlich dumme Gesichter: Bei den Isländern wären diese schuppigen Zeitgenossen laut Halldor Laxness wieder zurück ins Meer geworfen worden: "Von anderen Menschen begehrte Fischer warfen die Isländer wieder ins Meer, wenn ihnen deren Gesicht nicht gefiel..."


15 Uhr, die Menschen in der verregneten Ingolstädter Fußgängerzone haben Hunger auf Fisch. Der Fisch der ihnen dieses Mal in einer bekannten Restaurantkette für Fisch und anderes Wassergetier serviert wird hatten sie nicht erwartet - literarischer Fisch von Ernest Hemingway, Halldor Laxness, Christian Kracht, Orhan Pamuk und Herman Melville. 

Vorbereitungen: Aus dem Bücherregal dürfen Ernest Hemmingway mit "Der Alte Mann und das Meer", Halldór Laxness mit "Die Litanei von den Gottesgaben", Christian Krachts "Faserland", Orhan Pamuk mit "Das schwarze Buch" und Herman Melvilles "Moby Dick" in das Fischrestaurant.


Jens Rohrer bringt schon zum zweiten Mal Literatur unters Volk. Nach der ersten Guerilla-Lesung vor dem Schnapsregal eines Lebensmitteldiscounters aus den Werken berühmter Alkoholiker, liest er dieses Mal in dem Fischrestaurant aus Büchern über Fische und Fischer. Der Ingolstädter Autor schreibt selbst Gedichte, Prosa, sowie Romane, und verschlingt im Monat nach eigenen Angaben drei bis vier Bücher. Aber warum stellt er sich an öffentliche Orte und zitiert aus Büchern anderer Autoren? "Weil ich gute Literatur unter das Volk bringen will und nicht den Schund wie Twilight und Shades of Grey, der so oft in den Bestsellerlisten ist und weil es Spaß macht, die Literatur nach einem bestimmten Thema zu durchforsten", meint der Ingolstädter. Generell findet Rohrer werde viel zu wenig gelesen.  Seine Aktionen versteht er als Inspiration für Leser oder solche, die es werden wollen. 

Ein paar Freunde und Bekannte sind gekommen. Die eingeweihten Reihen sich mit Tablett in die Schlange der Ahnungslosen unter ihnen der Autor. Das Restaurant ist vollbesetzt. Rohrer setzt sich in eine Ecke und beginnt mit fester Stimme zu lesen. Die Eingeweihten um ihn herum sitzen gespannt da, hören zu und vorallem beobachten sie. Der Rest reagiert verwirrt, riskiert einen Blick, lacht verschämt in sich hinein oder schaltet auf Durchzug. Einige verlassen vielleicht schneller als geplant das Lokal und treten in den Regen, andere bleiben noch länger vor ihrem leeren Tablett sitzen und lauschen verstohlen den Worten. Eine junge Frau dreht sich interessiert um und lächelt. Ein Herr der länger still dagesessen hat, entscheidet sich nun doch zum Aufbruch und zwinkert der Runde freundlich, nickend beim rausgehen zu. Das Personal kommt auch ein paar Mal öfter in das Eck und wischt Krümel von den Tischen, die es gar nicht gibt mit einem Lächeln auf den Lippen. 


Verstohlene Zuhörer: Jens Rohrer liest 1 1/2 Stunden in dem Fischrestaurant ohne, dass das Personal davon informiert war. Sie lassen ihn gewähren und lauschen sogar hin und wieder.

"Fisch-Gosch, das ist eine Fischbude, die deswegen so berühmt ist, weil sie die nördlicheste Fischbude Deutschlands ist." Das Wort Fisch in Krachts "Faserland" betont der Autor inbrünstig. Den Ahnungslosen schwant, dass die Literatur nicht zufällig ausgewählt wurde. Ein Mann, der mit seiner, wenig humorverstehenden besseren Hälfte, daher ziemlich grimmig dreinschauend, gerade Scampi verspeist prustet laut los. "Dir stürme ich entgegen, du alles vernichtender, aber nicht besiegender Wal, bis zuletzt schlage ich mich mit dir; mitten aus der Hölle lanze ich dich, noch mein letzter Atemzug gilt dir!", ruft Rohrer im rauen Seemannsbass die Worte von Captain Ahab aus Melvilles Moby Dick in den Speiseraum. Einem älteren Mann, der nur verstohlen zugehört hatte, rutscht ein bewunderndes "Toll!" heraus und nippt nochmal langsam an seinem Pils. 

Die Dame an der Fischtheke ist an diesem Tag noch freundlicher zu den Kunden und wenn keiner zu bedienen ist, dann wandert ihr Lächeln immer wieder in die Ecke mit dem Dutzend Literaturfreunden. 

Die Angst des Autors, vertrieben zu werden wegen den oft nicht absatzfördernden Worte der Schriftsteller zu den Themen hat sich nicht bestätigt. Im Discounter hat er es auf 45 Minuten gebracht, im Fischrestaurant waren es fast 1 1/2 Stunden. Dieses Mal kamen auch eigenen Werke zum Zuge aus seinem Lyrik-Zyklus "Weltmähren" wie etwa das Gedicht "Nordpolarmeer": 

"Ein Orca ging nach Hollywood 
das fand der Tierschutz gar nicht gut

und so, nach drei Filmen schon
schickt man Willy in Pension

man bringt ihn an isländ'sch Strände
um zu verleben seine Rente 

Jetzt muss er Nahrung selber fangen, 
Willy fühlt sich hintergangen

Sein Jagdtrieb, der ist längst hinüber
die andern Orcas lachen drüber

Gemütlich hatte er's dort drüben, 
jetzt muss er wieder jagen üben 

Hier zählt nur Beute, eine Dicke, 
kein Wal steht hier auf Kunststücke 

Robben haben Protein 
doch Willy will sein Kokain 

Und es ist kalt in diesen Breiten
Ihm entfährt es "Herrschaftszeiten!" 

Die Freiheit tut ihm gar nicht gut, 
er will zurück nach Hollywood

er sehnt sich nach den Dreharbeiten 
Willy plärrt: "Ich kann so nicht arbeiten!" 

Tosender Applaus der Eingeweihten ist ihm nach jedem Werk sicher. Von den Ahnungslosen, traut sich keiner offen einzustimmen, sie schauen nur, lächeln allerhöchstens. Doch die sicherste Reaktion ist dem gemeinen Ingolstädter doch so zu tun, als ob man nichts sehen und hören würde. 

Von einer Bekannten, gibt es sogar zur Hälfte der Lesung eine kleine Stärkung, passend zum Lesemotto.

 Dem "Che Guevara der Ingolstädter Literaturszene" ist das schon genug. Er plant nach den beiden erfolgreichen Aktionen, schon weitere Auftritte. Wo er als nächstes auftaucht und ob das wieder in heimatlichen Gefilden sein wird will er noch nicht verraten. Sicher ist es geht weiter.

 

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